Details
ISBN/EAN: 978-3-903422-62-9
Einband: kartoniertes Buch
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Übersetzer:
Clemens J Setz
Clemens J Setz
Erschienen am:
10.11.2025
10.11.2025
Sprache:
Deutsch
Deutsch
Umfang:
200 S., 13 s/w Fotos, 13 Illustr., s/w-Fotografien
200 S., 13 s/w Fotos, 13 Illustr., s/w-Fotografien
Hersteller:
Luftschacht e.U.
Jürgen Laager
notizen@luftschacht.com
Malzgasse 12/2
AT 1020 Wien
Luftschacht e.U.
Jürgen Laager
notizen@luftschacht.com
Malzgasse 12/2
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Beschreibung
New Juche ist das Pseudonym eines heute in Südostasien lebenden Schotten. Seine literarischen und fotografischen Werke befassen sich mit urbanen Randzonen, mit Orten und Bedingungen von Prostitution und den Seltsamkeiten und Widersprüchen sexueller Imagination. Der Erzähler seiner Geschichten ist ein verkleideter Mystiker, ständig auf der Suche nach Epiphanien, nach Augenblicken heruntergekommenster Awkwardness und Poesie. In seiner Freundschaft mit sich langsam selbst zugrunderichtenden Alkoholikern in Kambodscha erlebt er Visionen von Vollkommenheit, in einem Bergdorf in Thailand erforscht er Zauber und Metaphysik verschiedener Toilettenräume, er verwickelt sich in absurdeste Missverständnisse und Liebesabenteuer mit Prostituierten, Verrückten und Wildfremden. Er versenkt sich in alte Fotografien und verfallende Gebäude. Als Arthur Rimbaud, der große Heilige unserer literarischen Moderne, mit achtzehn Jahren den Dichterberuf aufgab, um Abenteurer und Waffenhändler in Afrika zu werden, könnte er ganz ähnliche Gedanken gehabt haben wie es die Protagonisten von New Juche heute haben, in Phnom Penh oder Bangkok, ungefiltert, grausam, übererotisiert, immer voll alchemistischer Sehnsucht nach der Kombination der richtigen Zauberzutaten innerhalb der Wirklichkeit, und in ständiger Ahnung des Göttlichen mitten im Unrat und Elend. (Text: Clemens J. Setz) 'Die Orte, die mir am besten gefielen, wurden durch Fotos rätselhaft. Die Bilder bildeten eine glatte, wellige Haut über ihren Motiven, an der ich mich gern rieb.'
Leseprobe
Indem sein Niedergang und Zusammenbruch dem, was ich heute bin, seine Form verleihen, offenbart sich die Natur des religiösen Gewebes: undifferenziert, formbar, eine prima materia, die von großen Männern wie Martin genutzt und geformt werden muss. Dieser Fortpflanzungsprozess des kulturellen Mäzenatentums transformierte die Materie von Martins Körper. (In diesem Land sammeln alte Männer eine Anhängerschaft um sich, die die physischen Ausscheidungen ihres Körpers wie einen mächtigen Schatz sammelt und hütet: ihren Betel-Speichel, Urin, Kot und ihre abgeschnittenen Nägel. Mit der Zeit, insbesondere nach dem Tod, verwandeln sich diese Reliquien in Kristalle und teilen sich spontan.) Pod und ich ertrugen es nicht nur, sondern empfanden sogar ein seltsames Vergnügen daran, Martins erschöpften Körper zu waschen und ihn vorsichtig auf seine Pritsche zu legen. Dies geschah meist in jenen hellsten Morgenstunden, in denen man Befehle aus einer unbewussten Schicht des eigenen, verzweifelt vor sich hin träumenden Verstandes empfängt. Wir falteten seine ledrigen Flügel schweigend auf seinem Rücken zusammen, mit einer zärtlichen, aber klinischen Präzision, die das geflieste Gitter des Gemeinschaftsduschraums uns vorgab. Der Raum wurde von allen Gästen als Martins Vorzimmer respektiert, trotz des Hasses und Ekels, den einige andere Langzeitbewohner des Hauses ihm entgegenbrachten. Sein Leben und seine Taten strahlten eine spürbare, seiner Aura eingeschriebene Würde aus; durchsetzungsfähig, stimmig und durch und durch konsequent; die Blüten seiner Autorität sprossen überall in den holzgetäfelten Korridoren, und das Holz selbst schien in seinem Urin mariniert. Der Duschkopf spritzte Wasser in feinen Strahlen in unregelmäßigen Winkeln, was den Eindruck erweckte, als würde sich der Raum langsam mit Feuchtigkeit füllen wie eine lauwarme Sauna. Martins Haut wurde feucht und dann von Pod und mir mit dem Schaum der cremigen Seife besudelt. Dann gossen wir ihm mit Plastiklöffeln aus dem Trog Wasser über den Körper, und der Schaum fiel wie Schuppen von ihm ab. Besonders sanft und respektvoll behandelte ich die papierartige Haut seiner Oberschenkel und die hölzerne, pflanzenartige Beschaffenheit seiner Kniescheiben, die immer dann deutlich sichtbar wurde, wenn wir ihn aufhoben und in seine Zelle zurücktrugen. Wenn Martin tot ist, dachte ich, werden wir Spielwürfel aus seinen Kniescheiben schnitzen.